Heilende Märchen » Discussions

Heilen durch das Märchen

27. May 2014
22:42:29 CEST

Heilen durch das Märchen

Märchentherapie geht davon aus, dass Märchen in symbolisch verschlüsselter Form von inneren Prozessen erzählen, die alle Menschen im Laufe ihre Lebens durchleben und Lösungsmuster für innere Konflikte anbieten. Ihr Ziel ist es, den emotionalen und rationalen Zugriff auf diese Lösungsmuster zu ermöglichen. Ein ganzheitliches Weltbild und Tiefenpsychologie fliessen in die therapeutische Arbeit mit ein. Dabei ist die Klärung der inneren Prozesse das zu erreichende Ziel.

http://www.märchenhof-rosenrot.de/maerchentherapie/index_maerchentherapie.php


 



27. May 2014
22:44:15 CEST

Die Geschichte von den Nägeln

Einst war einmal ein Junge mit einem sehr schwierigen Charakter.

Sein Vater gab ihm einen Beutel voll mit Nägeln und bat ihn, jedes Mal dann einen Nagel in den Gartenzaun zu schlagen, wenn er seine Geduld verloren hatte und/oder mit jemandem in Streit geraten war.

Am ersten Tag schlug der Junge 37 Nägel in den Gartenzaun.
In den folgenden Wochen lernte der Junge, sich zu beherrschen und die Zahl der Nägel, die er in den Zaun schlug, wurde immer weniger. Der Junge merkte, dass es einfacher ist, sich zu beherrschen als Nägel in den Zaun zu hämmern.

Schließlich kam der Tag, an dem der Junge keinen Nagel in den Gartenzaun schlug. Er ging zu seinem Vater und erklärte ihm, dass er heute keinen Nagel in den Gartenzaun geschlagen hatte.

Da sagte sein Vater zu ihm, er solle jeden Tag, an dem er sein Temperament erfolgreich unter Kontrolle halten kann, wieder einen Nagel aus dem Zaun entfernen.

Viele Tage vergingen, bis der Junge seinem Vater erzählen konnte, dass er alle Nägel aus dem Zaun gezogen hatte.

Der Vater ging mit seinen Sohn zu dem Zaun und erklärte ihm: „Mein Sohn, du hast dich in letzter Zeit gut benommen, aber schau, wie viele Löcher du in dem Zaun hinterlassen hast. Er wird nie mehr der gleiche sein. Jedes Mal, wenn du Streit mit jemandem hast und ihn beleidigst, bleiben Wunden wie diese Löcher im Zaun. Immer dann, wenn du jemanden mit einem Messer stichst und es wieder herausziehst, bleibt eine Wunde. Ganz egal, wie oft du dich entschuldigst, die Wunde wird bleiben. Eine Wunde, die du durch Worte erzeugst, tut genauso weh wie eine körperliche Wunde.“

Verfasser unbekannt


 



27. May 2014
22:46:01 CEST

Der Holzstoß



Kathi spielte an den großen Holzstößen am Abhang. Es war eine Unternehmung auf eigene Faust und das Spiel am Winterholz gegen den Willen der Eltern.
Das Dorf, in dem sie lebte, war abseits der großen Städte, und die Bewohner pflegten eine eigene Denkweise, die von vielen nicht nachvollzogen werden konnte. Alle im Dorf waren glücklich, und die besten Handwerker und die tüchtigsten Frauen stammten aus gerade diesem Dorf.
Kathi turnte auf den Stämmen, dabei muss sich eine Sperre gelockert haben, denn alle Stämme fingen an zu rollen. Im letzten Augenblick konnte sie noch zur Seite springen und stand nun da und mußte zuschauen, wie der ganze Holzvorrat für den Winter den Hang hinunterpolterte und unten in den reißenden Strom fiel, ein Stamm nach dem anderen. Es wurde ihr sofort klar, daß die kurze Zeit bis zum Winter nie reichen würde, um wieder ausreichend Holz für alle zu schlagen. Diesen Winter müßten sie alle frieren, vielleicht sogar erfrieren ....
Kathi lief weg und versteckte sich. Sie wollte nie mehr nach Hause gehen. Ständig machte sie sich die größten Vorwürfe, dass sie trotz des Verbotes dort gespielt hatte. Sie hätte selbst schon so schlau sein müssen ....

Es war schon dunkel, als sie sich nun doch entschloss, heimzugehen und alles zu beichten. Als sie sich dem Dorf näherte, sah sie schon von weitem, dass eine große Runde um ein Feuer saß und schweigend wartete. Ihr fiel das Herz in die Hosentasche, sie ging aber mutig weiter. Als man sie wahrnahm, erhob sich der Älteste der Runde und ging auf sie zu, umarmte sie und hielt sie eine Weile schweigend fest in seinen Armen, dann sprach er:

„Ich liebe dich und ich bitte dich, liebe auch du dich selbst.
Ich verzeihe dir und ich bitte dich, verzeihe auch du dir selbst.
Ich segne dich und ich bitte dich, segne auch du dich selbst.“

Während er diese drei Sätze sagte, schaute er ihr fest in die Augen. Dann ließ er sie los und ging zurück zur Runde. Von da kam schon der Zweitälteste auf sie zu, umarmte sie ebenfalls und sagte zu ihr:

„Ich liebe dich und ich bitte dich, liebe auch du dich selbst.
Ich verzeihe dir und ich bitte dich, verzeihe auch du dir selbst.
Ich segne dich und ich bitte dich, segne auch du dich selbst.“





So ging es weiter, bis alle vierunddreißig Erwachsenen bei ihr gewesen waren. Dann wurde sie in die Runde der Erwachsenen gebeten. Es war das erste Mal, dass sie in dieser Runde sein durfte. Sie mußte ganz genau erzählen, wie es sich zugetragen hatte, dann wurde beraten.
Es wurde darüber gesprochen, dass es ein Fehler war, das Holz so dicht am Abhang zu lagern und dass die Zeit bis zum Wintereinbruch viel zu kurz sei, um neues Holz zu machen. Dann wurde beschlossen, dass sich dieses Jahr alle auf das Haupthaus beschränken würden, worin auch alle schlafen sollten. Die Absicht, für die sieben Häuser der sieben Familien Holz zu machen, wurde vollkommen aufgegeben.
Auch wurde immer wieder nach dem Geschenk gefragt, das wohl in diesem Vorfall versteckt sei; andere sagten, was wohl die gute Seite an diesem Unglück sein möge. Kathi hörte das wohl, konnte aber nichts damit anfangen. Sie war für´s Erste froh, dass sie nicht geschimpft wurde.
Sie konnte sogar das Verzeihen der Anderen annehmen und glauben, hatte es doch jeder Einzelne zu ihr gesagt: „Ich verzeihe dir“, und jeder hatte es aus ganz aufrichtigem Herzen zu ihr gesagt, aber der zweite Teil „ich bitte dich, verzeihe auch du dir selbst“, das fiel ihr so schwer, sie konnte es nicht; immer wieder machte sie sich Vorwürfe.

Es war einige Zeit seit dem Vorfall vergangen, der Winter kam früher als erwartet, und die großen Schneemassen hatten alles unter sich begraben. Der Holzvorrat war so knapp, dass er nur reichte, wenn ganz sparsam damit umgegangen würde. Aber dieser Mangel war nirgends zu spüren. Alle lebten im Gemeinschaftshaus, und die Körper der Leute heizten mit, so dass auch bei kleinem Feuer eine angenehme Temperatur herrschte. So einen schönen, lustigen Winter hatte es noch nie gegeben. Es wurde viel miteinander gesungen, gespielt, Geschichten erzählt und gelacht. Alle waren glücklich, und immer wieder konnte man scherzen hören: „Gut, dass Kathi das Holz ins Wasser rollen ließ!“

Immer und immer wieder wurde dieser Umstand ganz besonders erwähnt, und das gab ihr mit der Zeit die Kraft, dass sie ihre Selbstvorwürfe aufgeben konnte. Sie sah und erlebte es, es war der schönste Winter ihres Lebens. Wäre das Holz nicht vernichtet worden, so hätten sie, wie all die Jahre vorher, getrennt, jede Familie in ihrem eigenen Häuschen eingeschneit, diese lange Zeit mit Handarbeiten verbringen müssen. Wie herrlich ist doch eine so große Gemeinschaft!







Als sie alle Selbstvorwürfe aufgeben konnte, fing sie auch an zu begreifen, was mit dem Geschenk in dem Unglücksfall gemeint war. Es war wirklich ein Geschenk, denn die Gemeinschaft hatte beschlossen, dass auch im nächsten Winter wieder alle im Gemeinschaftshaus leben sollten; dadurch würden nicht nur die Winter schöner und kurzweiliger, sondern die Zeit konnte auch gut genutzt werden, um die Kleinen in die verschiedensten Handwerkstechniken einzuführen. Von den Männern wurde besonders freudig herausgestellt, dass sich die Zeit verkürzt, um das Winterholz zu schlagen. Statt drei Monate sind es nur noch drei Wochen. Sie sparen sich neun Wochen schwerste Waldarbeit – dank Kathi.

Seit dem (Un-)Glückstag durfte Kathi bei den Beratungen der Erwachsenen teilnehmen. Es gab immer wieder Situationen, in denen in der Gemeinschaft etwas geschah, was auf den ersten Blick furchtbar war. Die Erfahrung und die Denkweise der Gemeinschaft waren es, dass überall ein Geschenk enthalten war. Davon war nun auch Kathi überzeugt, und es war ihr zur Gewissheit geworden.
Meistens waren es junge Mitglieder der Gemeinschaft, denen ein Missgeschick widerfuhr. Wenn sie dann an der Reihe war, den Betroffenen zu umarmen, dann konnte sie aus innerster Überzeugung, mit ruhiger, fester Stimme sagen: „Ich verzeihe dir und ich bitte dich, verzeihe auch du dir selbst“.
Dieser Brauch, den Verursacher vollkommen zu entlasten, wurde auch weiterhin gepflegt. Jeder einzelne Dorfbewohner geht auch heute noch hin, drückt den Anderen und sagt ihm diese drei Sätze:

„Ich liebe dich und ich bitte dich, liebe auch du dich selbst.
Ich verzeihe dir und ich bitte dich, verzeihe auch du dir selbst.
Ich segne dich und ich bitte dich, segne auch du dich selbst.“


von Leni Liebich

27. May 2014
22:47:23 CEST

Die Heilerin – nur ein Märchen?

Es war einmal eine Heilerin. Die verstand sich nicht nur auf die Heilkunst der Kräuter sondern auch auf die Magie des Herzens. Wann immer Bewohner des Reiches mit einem Leiden zu ihr kamen, gab sie ihnen das rechte Heilmittel: hier und da ein Kräutlein oder einen Trank, aber häufig auch Fröhlichkeit, ein Lachen oder Verständnis und Nächstenliebe, denn sie wusste um die große Heilkraft dieser Elemente. Mit den Jahren erwarb sie durch ihre Kunst hohes Ansehen und Beliebtheit im Volk.

Eines Tages bemerkte die Königin, dass der Heilerin von ihren Untertanen weit mehr Bewunderung entgegengebracht wurde als ihr selbst und Neid und Missgunst vergifteten ihr Herz. Obwohl sie selbst in der Vergangenheit die Dienste der Heilerin in Anspruch genommen hatte, begann sie, arglistig Lügen über diese zu verbreiten, um sie in Misskredit zu bringen.
Ihrem Sekretär, der längst unbemerkt aus dem Hintergrund die Geschicke des Volkes lenkte, dabei jedoch weniger auf dessen als viel mehr auf sein persönliches Wohl bedacht war, war die Heilerin schon längst ein Dorn im Auge. Zu oft schon war sie seinem eigennützigen Treiben auf die Schliche gekommen und hatte damit seine heimliche Macht in Gefahr gebracht.

Sowohl die Königin als auch der Sekretär beherrschten vortrefflich die Kunst der Intrige und trieben ihr hinterhältiges Spiel der Verleumdungen intensiv voran. Bereits nach kurzer Zeit herrschte große Zwietracht unter den Untertanen. Wann immer etwas schief ging, wo auch immer ein Unglück geschah, besann man sich der üblen Gerüchte und lastete alles Leid der Heilerin an. Wer gestern noch ihre Dienste in Anspruch genommen hatte, beschimpfte sie heute als Hexe.
Die Wenigen, die dieses heimtückische Spiel durchschauten, wandten ihre Blicke ab und überließen die Heilerin feige ihrem Schicksal. So kam es, dass diese schließlich mit Schimpf und Schande aus dem Dorf gejagt wurde.

Verbittert über die erlebte Niedertracht und erlittene Ungerechtigkeit zog sie sich in die Tiefen der Wälder zurück. Dort rief sie in wiederkehrenden Ritualen höhere Mächte um Hilfe an und belegte ihre früheren Gefährten mit dem Fluch der Gerechtigkeit:

„Was du beiträgst zu des Anderen Unglück,
das falle auf dich selbst tausendfach zurück!“

Der Fluch der Heilerin verfehlte seine Wirkung nicht. Die Menschen, die ihr übel nachgeredet oder leichtfertig alles geglaubt hatten, wurden nun selbst zum Opfer peinlicher Gerüchte. Andere, die ihr Hilfe verweigert hatten, standen nun ihrerseits in Notsituationen allein. Jeder neidete dem Nachbarn seinen Erfolg. Missgunst breitete sich aus wie eine Seuche.

Im Laufe der Zeit sprachen sich die Geschehnisse herum und immer mehr Menschen aus den umliegenden Siedlungen mieden angewidert den verfluchten Ort. Der einst erfolgreiche Handel kam zum Erliegen, selbst den Kindern wich man aus wie Aussätzigen.

Zunächst Einzelne, später immer mehr Untertanen flehten ihre Krone um Hilfe an. Das Herz der Königin jedoch war indes durch das Gift der Bosheit zu Stein geworden, dem Sekretär floss statt Blut nur noch schwarzes Pech durch die Adern. Beide hatten aus Eitelkeit und Selbstsucht ihre Menschlichkeit verloren.

Aus einer ehemals blühenden Gemeinschaft war ein düsterer Ort voller Trostlosigkeit geworden. Die Kranken fanden keine Linderung mehr. Das Volk litt unter der Macht des Bösen. Das einzige Heilmittel – die Magie des Herzens – hatte man aus der Gemeinschaft verbannt.

Schließlich begriff das Volk, was es getan hatte und jagte die Königin und ihren Sekretär fort. Die Heilerin dagegen bat man inständig um Vergebung. Dafür jedoch war es zu spät. Zwar kehrte die Heilerin zurück, die Heilkraft des Herzens jedoch vermochte sie diesen Menschen nicht mehr zu geben. Die heilende Kraft dieser großen Magie hatte das Volk durch sein leichtfertiges Handeln auf ewig verwirkt.

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